Irre, wir behandeln die Falschen
Warum negative Glaubenssätze unser Leben bestimmen – und wie wir sie verändern können
Foto: Brooke Balentine
Ein Buchtitel des Autors Manfred Lütz, dessen Buch mir heute Morgen in die Hände fiel. Was ich bestätigen kann: Die meisten meiner Klienten sind nicht wirklich krank. Sie sind erschreckend normal, und ihre Krisen sind zutiefst menschlich. Und sie berühren mich, weil auch ich das kenne.
Nicht jede Lebenskrise ist eine psychische Erkrankung. Manchmal sind es Selbstzweifel, belastende Erfahrungen und tief verankerte Überzeugungen, die uns das Leben schwer machen. Nur der Glaube an sich selbst ist irgendwo auf der Reise verloren gegangen oder wurde durch liebevolle Eltern nicht ausreichend gestärkt.
Das ist oft traurig und rührt mich. Aber ich denke, Kindheiten sind nicht dafür angelegt, nur glücklich zu sein. Ein Anspruch, an dem viele junge Mütter und Väter meist schon in den ersten Jahren verzweifeln und der sie mit ihren ahnungslosen Kindern in sinnlose, teure Kurse („Mein Kind kann nicht greifen“, „Mein Kind hat als Erstes NEIN gesagt, anstatt Mama“) treibt.
Was sind Glaubenssätze und wie entstehen sie?
Oft hakt es an tief verankerten Glaubenssätzen, die uns das aktuelle Leben zur Hölle machen. Ein Glaubenssatz ist der sprachliche Ausdruck von etwas, an das jemand glaubt und was jemand für wahr hält. Glaubenssätze sind Ausdruck innerer Modelle, die jede Person fortlaufend entwickelt, um sich in der Welt zu orientieren. Andere Begriffe hierfür sind Überzeugungen, Einstellungen und Meinungen.
Einfach gesagt: Glaubenssätze sind innere Sätze über uns selbst, andere Menschen und die Welt. Wir halten sie oft für Tatsachen, obwohl sie lediglich unsere persönliche Sichtweise widerspiegeln.
Viele unserer Glaubenssätze entstehen in unserer Kindheit und werden durch unsere Eltern und andere wichtige Bezugspersonen geprägt. Im Kindesalter können wir diese häufig noch nicht kritisch hinterfragen und übernehmen sie in unser Leben.
Das können positive Sätze sein wie „Das Leben ist schön“ (von der Mutter) oder „Du bist geliebt“ (von der Oma). Aber leider auch negative wie „Nur wenn du leistest, bist du gut“ oder „Aus dir wird nie was“. Letztere können einem das Leben zur Hölle machen. Besonders belastend wird es, wenn wir solche negativen Glaubenssätze auch als Erwachsene weiterhin für unumstößliche Wahrheiten halten.
Mein eigener negativer Glaubenssatz: „Du kannst das nicht“
Mein schwerster Glaubenssatz war: „Du kannst das nicht.“ Und noch heute, wenn etwas Neues, Unbekanntes auf mich zukommt, geht der Kopffilm wieder los: „Das kriegst du nicht hin, das kannst du nicht.“ Selbst wenn die Aufgaben einfach sind und ich bereits weiß, dass ich das kann.
Ich habe lange gebraucht, diesen Satz umzuformulieren. In der systemischen Beratung und Therapie nennen wir das auch „Reframing“. Beim Reframing geht es darum, einer Erfahrung oder einem Gedanken einen anderen, hilfreicheren Bedeutungsrahmen zu geben. Gib dem alten Scheiß einen neuen, positiven Rahmen.
Heute heißt mein Satz nicht mehr „Ich kann das nicht“, sondern: „Ich versuch das jetzt mal.“ Das klingt unspektakulär. Aber genau darin liegt für mich die Veränderung: Ich muss nicht vorher sicher sein, dass ich etwas kann. Ich darf es einfach versuchen.
Wenn Glaubenssätze unser Handeln bestimmen
Auch in der Politik beobachte ich, obwohl ich kein besonders politischer Mensch bin, wie Überzeugungen das Handeln beeinflussen können. „Schlag zu, bevor man dich schlägt“, „Ich muss alles kontrollieren, sonst verliere ich“ oder „Frauen sind minderwertig und haben nichts zu sagen“ – solche Vorstellungen können sich in politischen Regeln und Gesetzen widerspiegeln.
Sie können Ausdruck gesellschaftlicher Überzeugungen und Machtvorstellungen sein, mit desaströsen Folgen für die Menschen, die dadurch beherrscht werden. Auch außerhalb der Politik können solche Überzeugungen Beziehungen, Entscheidungen und unser Verhalten gegenüber anderen Menschen beeinflussen.
Negative Glaubenssätze verändern: Was kann ich selbst tun?
Und was mache ich jetzt damit? Eines solltest du wissen: Du hast dir viele deiner frühen Glaubenssätze nicht bewusst ausgesucht. Schäme dich nicht dafür. Aber du kannst diese Sätze erst einmal beobachten, wenn sie auftauchen. Achtsamkeit hilft dabei.
Erst einmal wahrnehmen: „Ah, da ist er wieder, dieser Satz in mir: Ich werde das nie schaffen.“ Indem der Satz aus dem unbewussten Denken – wir nennen es auch Autopilot – ins Bewusstsein gelangt, kann er bearbeitet werden.
Ein hilfreicher erster Schritt besteht darin, den Gedanken nicht sofort als Wahrheit zu behandeln. Statt „Ich werde das nie schaffen“ kannst du beispielsweise sagen: „Ich bemerke gerade den Gedanken, dass ich das nie schaffen werde.“ Damit entsteht ein kleiner Abstand zwischen dir und deinem Gedanken. Du musst ihm nicht automatisch folgen.
Du kannst jetzt entscheiden: Handle ich nach diesem Glaubenssatz, der mich dann wahrscheinlich direkt in die Vermeidung schickt? Oder probiere ich mal etwas Neues aus und wage mich an eine neue Erfahrung? Das kostet Mut. Jeden von uns. Und es muss ja nicht jedes Mal klappen. Jedes vierte Mal ist auch schon viel.
Denn Veränderung bedeutet nicht, nie wieder Selbstzweifel zu haben. Veränderung beginnt manchmal damit, trotz dieser Zweifel einen kleinen Schritt zu wagen. Vielleicht ist der wichtigste Satz deshalb nicht „Ich kann das“, sondern ganz einfach: „Ich versuche es.“
Systemische Beratung bei Selbstzweifeln und belastenden Glaubenssätzen
Wenn negative Glaubenssätze deinen Alltag, deine Beziehungen oder deine Entscheidungen belasten, kann systemische Beratung helfen, diese Überzeugungen zu hinterfragen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Wenn du mehr über mich, meine Arbeitsweise und meinen beruflichen Hintergrund erfahren möchtest, besuche meine Seite „Über mich“.
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